Fahnenflucht ins Detail – Interview with Fyodor Moon (in German)

Victoria Belikowa spricht mit dem ukrainischen Fotografen Fyodor Moon

 Herr Moon, Sie zeigen Ihre Fotoarbeiten fast ausschließlich nur privat. Mögen Sie keine Öffentlichkeit oder ist es eine Marketing-Strategie?

Inzwischen fragt man mich oft, ob das eine Strategie ist. Aber es ist keine Strategie, zumindest habe ich sie mir nicht ausgedacht. Ich zeigte meine Bilder immer nur den Freunden, ganz einfach. Manchmal habe ich welche verschenkt, zum Geburtstag oder zum Hochzeitstag. Ein paar davon habe ich sogar verkauft. Aber es blieb immer innerhalb eines engeren Kreises.

Aber solche „Strategie“ bringt auch ihre Früchte: es entstehen Gerüchte und Legenden. Das kann ärgerlich sein, aber auch nützlich.

Die beachte ich nicht.

Es heißt zum Beispiel, dass Ihr Flamingobild im Schlafzimmer von Kevin Spacey hängt.

So ein Quatsch! Es hängt bei mir. Aber ich weiß genau, wie es zu dieser Story gekommen ist. Also, als ich Anfang der 90er in England gelebt habe und ein paar Jahre lang an einer Kunsthochschule studierte, hatte ich eine ganz junge Freundin. Wir studierten an derselben Hochschule, sie wollte Schauspielerin werden. Wir haben uns verliebt, waren fast ein Jahr zusammen und sind kreuz und quer über England und Irland gereist. Damals entstand auch dieses Flamingobild. Als wir uns dann aber trennen mussten, habe ich ihr dieses Foto geschenkt, und wahrscheinlich hing es eine Zeitlang bei ihr in der Wohnung. Aber dann ist sie gestorben, mit nur 28, das war eine tragische Geschichte, es stand sogar in den Zeitungen, weil meine Freundin inzwischen eine bekannte Theaterschauspielerin geworden war. Es gab Ermittlungen, aber auch ein Testament, und dadrin stand mein Name. Das Bild landete wieder bei mir. Und das ist alles. Ach ja, vor ihrem Tod spielte sie aber in London in einem Stück zusammen mit diesem Malkovich oder wie er hieß…

Kevin Spacey.

Ja, genau.

So entstehen Legenden.

Aber das alles interessiert mich herzlich wenig.

Unter „das alles“ verstehen Sie wohl auch den Kulturbetrieb, die Ausstellungen, Kunstmessen?

Ja, auch. Überhaupt, was soll man da viel sagen? Ich meine, über meine Fotos. Die Leute reden und reden alle. Wozu? Ist doch alles zu sehen.

Na ja, Menschen tauschen sich über die Gefühle und Gedanken aus, die Ihre Bilder hervorrufen. Interessiert es Sie nicht?

Doch, schon. Aber das ist eine Kunst für sich – über die Kunst zu reden. Man nimmt Bilder nur zum Anlass, um sich – wie Sie es so schön sagten – auszutauschen. Ich sehe da wenig, worüber man sich austauschen könnte, vielmehr also… Die sind doch genau dazu da, um einen Moment lang nicht zu reden.

Oh ja, das verstehe ich. Ihre Bilder ziehen einen magisch an, wie alte Ziehbrunnen. Man guckt da förmlich in die Tiefe hinein. Wissen Sie, dass man tief in einem Brunnen auch an einem normalen Tag Sterne sehen kann?

Das ist sehr poetisch. Aber ich hoffe, Sie haben Verständnis, wenn ich sage, dass ich dieses Gefühl nicht teile. Für mich sind es keine Kunstwerke, wie Sie es verstehen.

Sondern?

Skizzen. Tausende von Skizzen.

Zu einem größeren Vorhaben? Zu einem künftigen perfekten Bild?

Einfach nur Skizzen. Sie sind eigentlich Abfallprodukte.

Das heißt, Sie knipsen so lange, bis Sie ein perfektes Bild haben?

Nein, Perfektion ist auch ein Abfallprodukt. Sie entsteht nebenbei, sie ist kein Ziel. Überhaupt, perfekt kann nur etwas sein, was haargenau einer Vorgabe entspricht. Wenn man aber ein Foto macht, was ist da eine Vorgabe? Wie soll es werden? Das können Sie doch nicht von vorn herein schon wissen oder bestimmen.

Da merkt man, dass Sie mal Philosophie unterrichtet haben.

Na ja, das war nur eine unangenehme Episode. Zum Glück auch eine kurze. Aber vielleicht haben Sie Recht, und es gibt tatsächlich eine Verbindung. Und zwar, ich will ganz sicher keine Philosophie in meinen Bildern haben. Absolut.

Vielleicht hören Sie es ungern, aber alle, die Ihre Arbeiten gesehen haben, entdecken dort auch die Philosophie. Schönheit und Philosophie.

Die haben doch keine Ahnung, was Philosophie ist. Die Menschen denken, wenn sie ein paar abstrakte Begriffe gebrauchen, hätten sie schon einen Gedanken formuliert. Und wenn sie das Gefühl haben, dass sie zu einem Gedanken durchgerungen sind, so halten sie es gleich für Philosophie.

So ungefähr.

Einfach zu sagen „Schön, gefällt mir“, das ist wohl zu wenig. Man versucht gleich festzumachen, warum es einem gefällt. Als wäre die Schönheit eine objektive Realität.

Ist sie das nicht?

Das weiß ich nicht, aber ich weiß, dass der Versuch, die Schönheit kausal zu begründen, zu ihrer Zerstörung führt. Zu ihrer Abnutzung. Die Schönheit nutzt sich nämlich ab. Mit der Zeit.

Es gibt keine ewige Schönheit? Michelangelo gilt aber nach wie vor.

Nein, das sind doch nur Konventionen. An Michelangelo lernt man, was die Schönheit ist. Er ist ein Muster, von dem man ausgeht und an dem man sich orientiert. Schönheit wie auch die Perfektion ist eben ein Nebenprodukt. Man kann sie nebenbei erreichen, wenn man auf der Suche nach was anderem ist.

Was suchen Sie dann?

Das kann ich Ihnen ganz genau sagen. Und das wird Sie enttäuschen. Ich suche, also ich versuche einfach nur das Äußerste aus meiner Kamera rauszukriegen. Ich habe nämlich festgestellt, dass ich manchmal mit meinem Objektiv unendlich weit in die Tiefe gehen kann.

Sage ich doch…

Es ist ein rein technischer Vorgang, den ich entdeckt habe, als ich ein altes ursowjetisches Objektiv mit einer na ja, sagen wir, passablen Digitalkamera zusammengeschraubt hatte. Es entstehen andere Verhältnisse. Das Licht wird zum Schatten.

Das müssen Sie mir erklären.

Okay. Wir kennen die Welt so, wie sie ist, weil sie vom Licht beleuchtet wird. Wir sehen hier die graue Wand, da eine alte braune Karre und dort meinetwegen eine grüne Pappel. Andererseits gibt es nachts nichts zu sehen, das wissen wir auch. Ohne Laternen würden Sie weder die Wand noch die alte Karre noch die Pappel erkennen. Und dass sie grau, braun oder grün sind, können Sie dann sowieso gleich vergessen. Sie können sich dann von einem Theoretiker, der vorgibt, im Dunklen was sehen zu können, beschreiben lassen, was eine Wand ist und was eine Pappel, aber sie werden es nie rauskriegen, wie sich das graue vom grünen unterscheidet. Das macht das Licht.

Durch das Licht sehen wir aber auch, dass eine Oberfläche platt, flach ist. Das Volumen entsteht in unseren Hirnen erst durch das Kombinieren der Oberflächen miteinander, die mit unterschiedlicher Intensität beleuchtet werden. Also, ein Würfel ist an jeder für uns sichtbaren Oberfläche unterschiedlich beleuchtet, deswegen nehmen wir ihn als dreidimensional wahr.

Nur wegen der unterschiedlichen Beleuchtung?

Genau. Die Dreidimensionalität ist, in unserer Wahrnehmung natürlich, nichts anderes als Kombination von Licht und weniger Licht. Wenn Oberflächen nicht glatt sind, reflektieren sie an jeder Unebenheit nicht die gleichmäßige Menge Licht. So entsteht überhaupt der Eindruck einer Unebenheit.

Der Einfallswinkel entspricht immer dem Ausfallswinkel.

Oh, da hat aber jemand aufgepasst! Genau das ist es. Der Einfallswinkel entspricht immer dem Ausfallswinkel. Und wenn zwei Oberflächen sich in einem Winkel zueinander befinden, so ist auch der jeweilige Einfallswinkel anders und dementsprechend auch der Ausfallswinkel. Unser Gehirn registriert diesen Unterschied und bringt die Oberflächen in einen Zusammenhang, und diese Kombination nennen wir das Volumen.

Unglaublich.

Ist aber so. Und jetzt müssen Sie sich überlegen, wie viele Einfallswinkel es gibt zwischen 90 Grad und asymptotisch wenig, also fast absolut dunkel?

Hm. Unendlich viele?

Genau. Und das ist der Schatten. Seine Scala ist unendlich. Und diese unendliche Abstufung von Schatten ist sehr schwer zu fotografieren. Die wirkungsvollsten Bilder sind meistens welche, die eine scharfe Grenze zwischen Licht und Schatten erwischen. Je diffuser der Übergang, um so enttäuschender das Bild. Man sagt dann, es sei unscharf, schlecht fokussiert und so weiter. Es ist also technisch sehr schwer, Schatten festzuhalten. Nicht einen Schatten an der Wand, sondern Schatten als mehrere Abstufungen von Licht.

Und das geht mit ihrer Kamera?

Und das geht mit meiner Kamera. Jetzt verstehen Sie, was ich unter „unendlich in die Tiefe gehen“ verstehe? Ich kann mit meiner Kamera viel mehr Schattenübergänge festhalten, als man es sonst schafft. Und vor allem ich selbst habe das Gefühl, ich könnte unendlich viele Bilder von nur einer Einstellung machen. Also in Wirklichkeit ist es natürlich begrenzt, aber beim Fotografieren kann ich einfach nicht aufhören.

Deswegen auch Tausende von Skizzen.

Genau. Allerdings gibt es dann auch Bilder, auf denen besonders viele Schattenstufen zu sehen sind. Und solche Bilder gibt es auch nicht viele.

Deswegen auch Ihr Name? Der Mond, die Nacht, die Schatten. Entschuldigung, das muss ich Sie jetzt einfach fragen.

(lacht.) Oh Gott, nein! Das ist ein purer Zufall. Übrigens, die Idee kam auch von meiner damaligen Freundin. Ich heiße mit dem Nachnamen Tschaschtschurin. Das kann man unmöglich lesen und schon gar nicht aussprechen, besonders wenn man Engländer ist. Dann fragte mich meine Freundin, wie meine Mutter hieß. Meine Mutter hieß Dina Mun, ein ganz gewöhnlicher jüdischer Name. Mit drei Buchstaben. Das fand meine Freundin viel schöner. Aber auch dieser Name liest sich auf Englisch anders als auf Russisch, und zwar mit einem offenen „a“. Also war es schon wieder ein Name, der nichts mit mir zu tun hatte. Dann hatte meine Freundin den Einfall, das Wort „Moon“ dafür zu nehmen, weil es exakt wie der Name meiner Mutter klang.

Ein bisschen kitschig, wenn man ganz streng ist.

Meine Freundin war 22 damals, und mir war es egal. Und jetzt ist es für mich eine Art Erinnerung. Wie so ein Tattoo.

Und wie alt waren Sie damals?

Dreißig, nein, Zweiunddreißig. Das war 1989. Plötzlich durfte man als Sowjetbürger ausreisen. Und das war das erste, was ich gemacht habe. Bloß weg da.

War das ein Drang nach Freiheit?

Vielleicht, wenn man das ganz allgemein nimmt. Aber eigentlich brauchte ich mehr Bilder. Die Ukraine, die Sowjetunion überhaupt, Kiew von 1989 war extrem eintönig, Alles wie unter einer Durchsichtsfolie. Jedes ungewohnte Detail fiel sofort auf, ob eine neue Jeans oder eine Zeitschrift aus Amerika oder, was weiß ich, ein Kugelschreiber. Ich litt unter diesem Entzug von Eindrücken. Und als ich dann in England landete, konnte ich nicht mehr aufhören rumzureisen und immer und immer zu fotografieren. Zuerst waren es sehr bunte Bilder, doch mit der Zeit wurden sie ruhiger, mit immer mehr Schatten.

Die sowjetische Vorprägung?

Kann sein. Deswegen mussten wir uns auch trennen, meine Freundin und ich. Ich konnte nicht mehr an einem Ort sitzen, ich musste weiter. Und sie war mit ihrem Studium noch nicht fertig, und musste auch anfangen Karriere zu machen. Ich ging dann nach Europa, ich war acht Jahre unterwegs.

Und da haben Sie zwischendurch mal den dialektischen Materialismus unterrichtet?

Ich bitte Sie, natürlich nicht! Das war noch in der Sowjetunion. Ich hatte die Dummheit, Philosophie zu studieren, und als ich fertig war, fiel mir nichts Besseres ein, als eine Doktorarbeit zu schreiben. Und um etwas Geld zu verdienen, habe ich Philosophie unterrichtet. Aber spätestens da, wahrscheinlich durchs Vermitteln, habe ich festgestellt, was für ein Unfug das alles ist.

Philosophie im Allgemeinen oder speziell die marxistische?

Die marxistische Philosophie in der Sowjetunion war eine raffinierte Anleitung zum kreativen Lügen. Wie im Mittelalter. Man konstruierte die Wahrheit. Ich meine, das ist der Sinn der Logik auch, mittels korrekter Gedankengänge zu neuen Einsichten zu gelangen. Doch im Unterschied zum freien Philosophieren, musste man im sowjetischen Marxismus zu einem bereits vorgegebenen Resultat gelangen. Also war es alles nur Winden und Vortäuschen.

Und was haben Sie dann gemacht? Wie kamen Sie zum Fotografieren?

Na ja, ich hatte mit Mitte Zwanzig eine Art Krise. Mir schien alles so unbestimmt, so unsicher, verschwommen irgendwie. Ich habe aufgehört zu unterrichten, und das war schon ein Eklat. Aus dem Marxismus steigt man nicht aus, das ist Fahnenflucht. Mir drohte die Gefahr, in die Armee einberufen zu werden. Es waren noch die Zeiten von Afghanistankrieg. Dann hat mich meine Mutter irgendwie bei einem Psychiater vorgestellt, er war ein guter Freund. Er stellte eine Diagnose, ich bekam Tabletten, um der Diagnose mehr oder weniger zu entsprechen. Ich musste ja auf Untauglichkeit zum Militärdienst anerkannt werden. Ich saß in der geschlossenen Abteilung, voll gepumpt mit Psychopharmaka, und das einzige, woran ich mich noch erinnerte, war ein altes Kindergedicht, das mit tagein tagaus im Kopf schwirrte: „Das ist der Stuhl, auf dem man sitzt, das ist der Tisch, an dem man isst“.

Als ich untauglich raus kam, wusste ich erstmal gar nicht, was alles ist. Und da gab mir mein Vater seine alte Zenit-Kamera und sagte: Hier, die Arbeitstherapie. Man schickte mich aufs Land. Und da habe ich angefangen, zu fotografieren. Und das war das genaue Gegenteil zum Philosophieren, denn in der Natur spielt das Detail genauso eine große Rolle wie das Ganze.  Es gibt keine Ontologie in der Natur, keine Klassen, Kategorien, Arten oder Mengen. Nur Einzelfälle und Details. Aber in unendlicher Zahl. Und das ist faszinierend.

Fahnenflucht ins Detail. Hätten Sie was dagegen, wenn ich so unser Gespräch betitele?

Ganz schön kitschig, wenn man ganz streng ist. Aber machen Sie ruhig.

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